Frage: Zum Einstieg mal die leicht ironische Frage: Was hältst du/haltet ihr von der Schlagzeile “Punx, wechselt das Lager, deutscher HipHop reißt das Maul auf, endlich interaktive Kommunikation zwischen Künstler und Publikum!”
LOTTA C: Mir hat mal ein echter Punkhörer erklärt, er könne mit diesem Mitmachding bei HipHop nix anfangen. Er wolle da bloß stehen und zuhören und nicht ständig Arme hoch, mitrufen und so… Also so ganz falsch ist das Zitat nicht. Aber auch auf unseren Auftritten kann ja jeder so mitmachen, wie er will. Mich stört nur das Gefühl, die Leute halten es für uncool bei ’nem guten Konzert mitzugehen und stehen deswegen stocksteif in der Ecke. In der linken Szene ist so was ja schon ein bisschen verbreitet, freudige Emotionen sind uncool, wenn ich Probleme habe, saufe ich sie weg und wenn ich auf nem Konzert bin tanze ich Pogo, um allenfalls meine Wut rauszulassen.
Aber ich kenne auch Bands, die eher aus der Punk-Richtung kommen und selbst sehr viel Wert darauf legen, dass sie in einer guten Interaktion zum Publikum stehen – Banda Bassotti oder die Toten Hosen zum Beispiel.
Ich glaube, bei Musik kommt es darauf an, warum du sie machst und was du als Künstler erreichen willst. Ich will mit den Leuten zusammen was erleben; ich will, dass sie mir zuhören und wenn das, was ich sage ankommt und die Leute mich verstehen, dann freue ich mich, wenn sie mir das zeigen, indem sie die Arme hochheben, bouncen und mitspringen.
Frage: In einem linken Zentrum vor SchwarzemBlock-Publikum zu spielen, kommt wahrscheinlich eher selten vor, oder?
LOTTA C: Eigentlich spielen wir die meisten unserer Konzerte vor dem so genannten “Schwarze-Block-Publikum”. Die wenigsten sind vor klassischem HipHop-Publikum und mir persönlich gefällt das auch ganz gut so. Chaoze sieht das etwas anders, er hätte gerne auch mehr Gigs, die vor HipHoppern stattfinden, die ihn nicht schon deswegen gut finden, weil er linke Texte hat. Mir persönlich ist egal, wer mich hört. Natürlich ist es gut, wenn man sein Zielpublikum kennt und weiß, wie die Konzerte mit denen ablaufen, was denen Spaß macht. Aber ich habe mich immer dagegen gewehrt in Schubladen gesteckt zu werden, da kommt es mir ganz gelegen, dass ich HipHop mache vor einem Publikum, dass diese Musik nicht klassischerweise hört. Ich finde es auch ein gutes ziel zu versuchen, neue Impulse in die Szene hineinzutragen und mit HipHop habe ich ein geeignetes Mittel gefunden, um mich politisch auszudrücken und dabei die Szene zu unterstützen.
Frage: Wie unterscheiden sich die Konzerte? Hier fast ausschließlich die eher linke Punkszene und sonst vor klassischem HipHop-Publikum.
LOTTA C: Natürlich können auch im Szene-Publikum Leute anstrengend sein und nerven, gerade wenn sie betrunken sind oder dir erzählen, über was du unbedingt mal schreiben musst, wenn sie dich kritisieren, weil du ihnen nicht vegan genug bist, dass HipHop per se frauenfeindlich ist oder was auch immer. Aber bisher waren die Gigs vor Linken immer besser als die, die ich vor, nennen wir es mal „echtem“ HipHop-Publikum hatte. Da herrschte das reinste Machogehabe und es gab jedes Mal ne Schlägerei im Publikum. Die Leute waren aggressiv und haben eigentlich nur darauf gewartet, dass sie auf die Bühne können, um ihre Freestyle-Texte aufzusagen. Von wegen Respekt vor dem, was andere da auf der Bühne bringen. In Hachenburg z.B. stand schon während des ersten Liedes einer am Seiteneingang zur Bühne und hat mich während des Rappens angemault, wann denn endlich Open Mic wäre. Das ist so typisch für einen Teil der HipHop-Szene, der den Gedanken des Miteinanders, der ja eigentlich im HipHop verwurzelt ist, vergessen hat und nur noch dieses Battleding auslebt.
Die anderen Künstler bei reinen HipHop-Dingern waren mir gegenüber häufig super distanziert, haben mich und Chaoze abschätzig gemustert, ohne ein Wort mit uns zu reden. Hinterher haben sie ihm dann immer auf die Schulter geklopft und gesagt wie cool es war – wohl weil sie gesehen haben, dass er mehr Ärsche gerockt hat als sie. Ich hatte wirklich jedes Mal das Gefühl ich bin in nem falschen Film gelandet und darf nicht mitspielen, weil ich keinen Penis habe, mit dem sich die anderen vergleichen könnten. In der Schweiz hatten wir sogar mal nen Gig, da haben mich die Rapper der anderen Band nicht mal begrüßt – 3 Stunden kein Wort mit mir geredet, obwohl ich direkt neben Chaoze stand, den sie ganz begeistert zugetextet haben. Wahrscheinlich dachten sie, ich bin die Hüpfdohle hinten auf die Bühne, die ab und zu lalala singt und ansonsten mit dem „Booty“ wackelt – so wie sie das halt von vielen anderen Frauen aus den MTV-Videos kennen.
Also um es zusammenzufassen, die klassischen HipHop-Konzerte sind mir zu anstrengend. Zu viel Testosteron. Am besten sind die vor einem linken HipHop-Publikum wie z.B. in Nürnberg. Die lieben HipHop und sind politisch in der linken Szene aktiv – das rockt am Besten.
Frage: Wir wollen hier ja nicht die engagierten und wichtigen Punkbands diskreditieren, aber auf einem Konzert wie heute mit Euch passiert ja schon’n bisschen mehr als einen politischen Song zu singen, ne Ansage mit lokalpolitischem Inhalt zu bringen und die üblichen Parolen dar zu bieten. Will sagen: Bei Euch passiert halt auch während eines Stückes spontan eine Interaktion mit dem Publikum und Texte werden mit aktuellem Bezug spontan geändert. Kann man das als AGITPROP des 21ten Jahrhunderts bezeichnen?
LOTTA C: Ich denke auf jeden Fall, dass als eine mögliche Agitprop-Form der Linken HipHop heute wieder eine wichtigere Bedeutung hat. Ganz neu ist diese Form allerdings nicht, denn Gruppen wie die Mic Mafia, Anarchist Academy und andere aus den Anfängen des HipHops in Deutschland haben schon immer auch eine politische Aussage gehabt.
Wir beziehen in unsere Show stärker als das in einer anderen Musikrichtung vielleicht der Fall ist, das Publikum mit ein. Wenn die nicht mitrocken, macht es uns auch keinen Spaß. Ich habe auch weniger die Intention, den Zuhörern in meinen Texten theoretische Abhandlungen über den tendenziellen Fall der Profitrate darzubieten. Ich werde ihnen auch nicht vorrappen, wie das denn konkret mit der Revolution jetzt gehen kann. Unsere Texte sind nur 3 Strophen mit 16 Zeilen lang – da kannst du keine differenzierte Kapitalismuskritik leisten. Das bleibt immer etwas polemisch oder platt. Ist ja auch okay so.
Wenn man zusammen in ner Antifagruppe ist, diskutiert man ja auch nicht immer oder schreibt ständig Flugblätter, sondern man ist auch über gemeinsames Feiern, Lachen, Essen und andere gemeinsame Erlebnisse miteinander verbunden. Ich will in den Leuten, die meine Musik hören das Gefühl der Gemeinsamkeit wecken. Ich will mich nicht alleine fühlen, ich will wissen, dass da noch andere sind, die so denken wie ich und dass es nicht nur Merkel, Ackermann und Co. gibt. Und das will ich auch dem Publikum vermitteln. Und wenn sie unsere Texte mitsingen und mitrappen, dann kommt glaub ich genau das Gefühl auch hoch – hey, da sind noch andere, die sehen das auch so wie ich.
Wenn dann auch noch jemand kommt, der erst mal nur sagt: „super Musik, hör ich mir mal an“ und der sich dann durch die Texte beeinflussen lässt, mal nachzudenken, zu hinterfragen, … dann finde ich das natürlich noch besser.
Frage: Wie oft spielst du/spielt ihr vor Antifa/Punkpublikum?
LOTTA C: Es wird immer mehr… Wir spielen so ca. 3 Gigs jeden Monat zwischen Flensburg, Berlin, München und auch in der Schweiz und Österreich. Jeder Versuch das Programm zu kürzen scheitert, weil es doch immer wieder einen gibt, den wir unbedingt machen wollen. Die Anfragen reißen nicht ab und ich denke, das liegt unter anderem auch daran, dass die Antifas – wenn sie auch immer so tun als ob sie das doof fänden – Spaß daran finden, sich von uns in die Show miteinbeziehen zu lassen. Viele, gerade Ältere, stehen bei ihrem ersten Besuch eines unserer Konzerte erst mal ganz hinten. Du kannst richtig an den Gesichtern ablesen: “Scheiße, HipHop. Da kommt jetzt bestimmt nur Müll…” und dann, nach den ersten zwei Liedern siehst du sie mit dem Kopf nicken, sie fangen an mitzugehen und irgendwann freuen die sich richtig, strahlen, tanzen und kommen näher an die Bühne ran. Dann hast du sie und kannst dir sicher sein, dass mindestens einer nach der Show zu dir kommt und sagt: “Also eigentlich höre ich keinen HipHop, aber ihr wart wirklich fett.” Und beim nächsten Mal sind die wieder da, bringen nen Kumpel mit und so macht HipHop langsam in der Szene die Runde.
Frage: Bildet sich da eine neue Szene außerhalb des Mainstreams, wo Gemeinsamkeiten zwischen Antifa und HipHop gefördert werden?
LOTTA C: Ganz sicher gibt es so was, wobei auch ich überrascht war, als ich zum ersten Mal linke HipHopper getroffen habe. Aber es ist auch ganz logisch, dass es diese Entwicklung gibt. HipHop ist ja nicht nur das, was wir im Radio hören und auf Viva/MTV sehen. Wenn man das begriffen hat, kann man HipHop sogar richtig gut finden. So war das bei mir ja auch. Hätte Chaoze mir nicht mal Rap vorgespielt, der anders war als das, was ich für Rap hielt und hätte ich nicht Deadly von Anarchist Academy, die Mafia-Jungs, Callya, Nic Knatterton und andere getroffen, die sich nicht an die Vorgabe des Mainstream halten, was HipHop denn nun zu sein hat, dann hätte ich mir nie Zugang zu dieser Szene verschafft. Wahrscheinlich würde ich dann heute Vorträge halten, das HipHop frauenfeindlich ist, anstatt gegen dieses Klischee vorzugehen.
Frage: Die HipHopszene ist besonders dann sehr authentisch und lebt auch davon, das sie lokal orientiert arbeitet. Das beinhaltet die Themen die sie aufgreift aber auch den Raum in dem man sich bewegt, mit welchen Gruppen man zusammenarbeitet. Hier im Westen gibt es die MICMAFIA und CHAOZE ONE, in Berlin fällt mir AUDIO88 ein und Hamburg /München haben ihre eigene Szene. Lässt sich das erweitern, die Vernetzung fördern?
LOTTA C: Ich sehe mich irgendwie nicht lokal verankert, wahrscheinlich bin ich dazu zu oft umgezogen und kenne zu viele Menschen in zu vielen Städten. Wenn du Musik machst, suchst du ja auch immer nach Leuten, mit denen du sie zusammen machen kannst oder du triffst auf Konzerten auf andere Acts, die auf deiner Wellenlänge liegen. Bei politischen Inhalten ist es leider so, dass sie nicht gerade angesagt sind momentan. Das betrifft aber ja nicht nur uns Rapper. Und dann sind die Menschen, die das Gleiche mögen und machen wie du, schon in der ganzen Republik zu suchen. Es werden aber auch immer mehr, die sich z.B. durch Chaoze inspiriert gefühlt haben, das Rappen angefangen haben und weiterentwickeln. Das heißt, die Szene wächst.
Offizielle bundesweite Vernetzungen unter gleichdenkenden HipHoppern hat man versucht, zum Beispiel läuft sich ja gerade das neue HipHop-Partisanen-Projekt warm. Ist aber alles sehr schwierig und für die Macher/innen ein unglaublicher Kraftaufwand, weil den Menschen neben Arbeit und all dem anderen alltäglichen Kleinscheiß kaum Zeit für Politik und Vernetzung im großen Rahmen bleibt. Da biste froh, wenn du es zum allwöchentlichen Antifaabend schaffst.
Welche Rolle spielt für dich/euch das Taggen/Scratchen?
LOTTA C: Scratchen mag ich nicht so… Ich bewundere die DJs für ihre schnellen Finger, mag auch die Cuts und so, aber scratchen ist nicht mein Geschmack. Das darf man als Rapper eigentlich nicht mal denken, ist aber wohl so’n Kindheitstrauma. Mein Vater sammelt alte Oldieschallplatten, so Raritäten aus den 50ern, die mehrere hundert Euro wert sind und wenn der mich sah, wie ich mit ner Plattennadel auch nur dem Vinyl zu nahe kam, stand der schon hinter mir und mahnte zur Vorsicht. So was bleibt…
Taggen würde ich gerne können. Mir hat es aber niemand gezeigt und jetzt bin ich wohl schon zu alt dafür. Was ich nicht mag ist, wenn an den Locations die Wände vollgetaggt werden und die Veranstalter dann dafür zahlen müssen, dass das weggemacht wird oder wenn die Wände deswegen immer wieder renoviert werden müssen. Ich finde, man sollte lieber rausgehen und Dinge bemalen, die einen Anstrich dringender nötig haben – Vorgartenzäune zum Beispiel. Und man sollte gute und richtige Parolen dahin tragen wo sie hingehören. Auf die Klos in McDonalds vielleicht.
Frage: Welche Forderungen hast du/habt ihr an die Medien um Informationspflichten wahrzunehmen?
LOTTA C: Sofortige Kollektivierung aller öffentlichen Medien und Verpflichtung zur Einhaltung eines inhaltlichen Qualitätsstandards.
Nee, mal ehrlich – wären alles schöne Dinge, aber mit Zwang erreicht man nicht, dass Menschen inhaltlich bessere Sendungen konsumieren und sich wünschen.
Meine Forderungen würden sich an die Politiker richten – da das aber genauso wenig erfolgsversprechend ist wie das wilde Umherschmeißen von Parolen, habe ich es bisher unterlassen nach Berlin zu gehen und stehe lieber auf der Bühne – das Parolenschreien hinterlässt nicht so einen langweiligen Beigeschmack.
Man kann die Medien in diesem Land nicht zu mehr Verantwortung mahnen, solange sie dem Gesetzen des Kapitals gehorchen müssen. Aus dem System kann man sie aber auch nur schwer rauslösen, da besteht ja auch kein Interesse dran. “Mit dem Wissen kommt das Denken”, hat Humboldt schon festgestellt.
Freie Medien sind ein Anfang, auch wenn es da noch viel zu feilen gibt, so dass sich auch eine breitere Masse die Sendungen lieber anhört oder die Artikel lieber liest als im Mainstreammedium. Auf der anderen Seite muss überall zu einem kritischeren Umgang mit Medien erzogen werden. Auch in diesem Bereich hat die Linke einiges zu tun.
Frage: In wie weit haben Künstler die Verpflichtung, ihren herausragenden Status als Personen der Öffentlichkeit politisch zu nutzen, zum Beispiel auf ihren Veröffentlichungen, in den Booklets?
LOTTA C: Ich gucke immer in den Texten nach, was ne Band oder ein Künstler genau sagt oder singt. Und ganz ehrlich – ein “Bitch” und das Ding ist für mich gestorben, auch wenn viele meinen, darüber brauch man sich nicht mehr aufregen. Für mich ist der Text irre wichtig und ich denke, dass das auch gerade ein Riesenunterschied zwischen HipHop und z.B. Punk oder HC ist. Da versteht man nicht immer was gesagt wird und vertraut als Hörer einfach darauf, dass das schon korrekt sein wird. Bei HipHop ist es wichtig, dass die Leute mich verstehen, sonst würde ich einfach Silben reimen und keine Aussagen machen. Und ich glaube auch nicht, dass sich eine Punkgruppe so oft anhören muss wie wir, warum sie z.B. an dieser oder jenen Stelle “für” sagt und nicht “gegen Luxus” sagt.
Allein mit unserem Status kann man allerdings keine Überzeugungsarbeit im großen Stil machen. Wir sind ja nicht so bekannt, dass wir eine schreiende Horde Teenager auf unserem Konzert davon überzeugen könnten, dass Antifapolitik total super ist, auch wenn die vorher gar nichts von Antifa wussten. Die, die uns zuhören tun das ja, weil sie eine Ähnlichkeit zwischen ihrer Einstellung und unseren Texten entdeckt haben. Aber kleine Veränderungen sind möglich. Ich bekomme zum Beispiel manchmal Post auf myspace – das ist so etwas wie meine Homepage – von jungen Frauen, die auf ihrer myspace-Seite den Tod als etwas Schönes, Erlösendes glorifizieren. Das macht mich echt traurig und ich muss bei vielen Textpassagen die ich schreib an diese Mädchen denken und hoffe, sie verstehen vielleicht den einen oder anderen Satz als an sie gerichtet. Wenn es auch nur einen Track gibt, den ich schreibe und den sie hören, der diesen Frauen das Gefühl gibt, dass es sich vielleicht doch lohnt zu leben, sich Hilfe zu holen, dafür zu kämpfen, dass es hier besser wird, dann ist das schon sehr viel.