Hauptbahnhof
Der Junge zittert vor Kälte. Nur mit Hose und T-Shirt bekleidet hält er beide Arme weit von sich gestreckt, in der einen Hand seine Jacke, in der anderen einen Pullover. An seinen Beinen macht sich gerade ein Polizist in Uniform zu schaffen: er tastet ihn ab, greift ihm in die Taschen und befördert deren Inhalt zu Tage. Die Szene hat etwas ekelhaftes, voyeuristisches. Der Polizist arbeitet langsam, gründlich, seine Finger grabbeln in den Taschen, klopfen fremde Körperteile ab, fühlen alles, er sieht alles, er darf das. Fühlt er sich gut dabei? Sein Gesichtsausdruck verrät zumindest keine Abneigung, auch wenn er sich Gummihandschuhe angezogen hat. Ein weiterer Beamter steht daneben. Er notiert eifrig etwas in ein kleines Buch, ab und zu wendet er sich an ein junges Mädchen mit blondem Pferdeschwanz, die etwas unschlüssig neben ihm steht. Er scheint ihr etwas zu erklären, denn sie nickt zustimmend und lächelt.
Es schneit und ein scharfer Wind zieht durch alle Kleidungsschichten. Die Leute hasten am Bahnhofsgebäude vorbei, alle wollen schnell ins Warme. Autos halten, Menschen rennen und fluchen oder reden etwas zu laut. Dicke Stadttauben suchen im Schneematsch nach Futter und im trüben Licht der Straßenlaternen wirkt alles so dreckig, dass ich mich am liebsten ins Bett verkriechen möchte, bis der Winter vorbei ist.
Es ist halb sechs, abends am Hauptbahnhof und ich will einfach nur heim. Der Tag war lang und ich sehne mich nach heißem Tee und Badewanne.
Fast hätte mich dieser Gedanke auch schnellstmöglich in die Bahnhofshalle und zum Zug gezogen, doch irgendwas lässt mich stehen bleiben. Etliche Menschen hasten an mir vorbei, sehen nicht nach rechts und links. Sie sind den Anblick entweder gewöhnt oder sie sind so sehr mit sich beschäftigt, dass neben ihnen eine Bombe einschlagen könnte und sie würden nicht einmal aufblicken.
Noch während ich stehen blieb, wünschte ich für einen kurzen Moment, ich hätte es nicht getan, denn die Situation riecht nach Ärger. Der Junge ist etwa 16 Jahre alt, seine Hautfarbe dunkel und das ist in diesem Land auffällig. Das Bild der beiden weißen Polizisten, die einen Schwarzen „filzen“, löst Unruhe in mir aus. Doch der Kampf in meinem Kopf ist längst entschieden. Ärger hin oder her… Manchmal wäre es mir lieber, ich müsste es nicht tun und dabei dieses ungute Gefühl in mir in Kauf nehmen. Ich wünsche mir jetzt, es würde neben mir jemand stehen bleiben und sagen: “Hey, was machen denn die Bullen da!“ – aber es kommt natürlich niemand. Zu zweit wäre schon mal besser als alleine…
Der Polizist ist weiter dabei, die Tasche des Jungen zu durchsuchen, während dieser sich endlich wieder anziehen darf. „Was suchen sie eigentlich?“, fragt er und erhält keine Antwort, erst als er nachsetzt: „Drogen?“, antwortet einer der Uniformierten „Ja!“.
Ich hatte mir so etwas fast schon gedacht und kann kaum fassen, dass manche Situationen in der Realität genauso sind, wie man es sich plakativ immer vorstellt. Und glauben, wirklich glauben, dass es tatsächlich so zugeht, kann man es ja doch nicht. Und dann doch immer wieder dieses Erstaunen, dieser Schreck, diese Lächerlichkeit und Absurdität solcher Realitätsfetzen.
Der Junge entdeckt mich und sucht meinen Blick. Ich habe den Eindruck, er ist froh, dass ich aufgetaucht bin. Ich bin froh, dass er mich nicht für einen Gaffer hält. Ich stehe da herum, weil ich nicht will, dass die Polizisten sich unbeobachtet fühlen, aber noch wichtiger ist mir, dass der Junge weiß, dass er nicht alleine ist. Die anderen sind schließlich auch zu zweit.
Ich höre wie er fragt: “Wollen sie die Frau dort jetzt etwa auch durchsuchen?“ und als Antwort erhält, dass das keiner vorhabe. Warum sprechen Polizisten dauernd in der dritten Person von sich?
Auf jeden Fall hat die Frage die Beamten auf mich aufmerksam gemacht und während einer der Polizisten die Personalien des Jungen aufnimmt, obwohl sie nichts bei ihm gefunden haben – kommt der, der die Leibesvisitation durchgeführt hat auf mich zu.
Das Lächeln in seinem Gesicht ist nicht wirklich echt. Aber er hat den Auftrag Bürgernähe zu demonstrieren und kann offensichtlich noch nicht einschätzen, warum ich ihnen zusehe. „Haben Sie eine Frage?“, er baut sich vor mir auf. „Nein!“, entgegne ich in möglichst überraschtem Tonfall. „Haben Sie ein Problem?“ fragt er weiter – seine Laune verschlechtert sich. Nachdem ich auch diese Frage ähnlich der ersten verneint habe, ist er sauer, beherrscht sich aber immer noch: „Darf ich sie dann bitten weiterzugehen?!“ – das Ausrufezeichen hinter dieser „Frage“ ist nicht zu überhören und auch das Funkeln in seinen Augen verrät ihn. Wieder antworte ich mit einem knappen, aber bestimmteren „Nein.“. Triumphierend beinah so, als handelte es sich um die logischste Folge dieses Frage-und-Antwort-Spiels überhaupt, fährt er fort: „Dann erteile ich ihnen eben hiermit einen Platzverweis und fordere sie auf unverzüglich weiterzugehen!“ – gut auswendig gelernt!
Ich habe gewusst, dass das kommen würde – allerdings nicht so schnell. Ich kann mir das Lachen wirklich nicht richtig verkneifen, als ich ihm sage, er könne ja schon mal mit Schreiben anfangen. Das war schon etwas gewagt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er mir deswegen einen Platzverweis erteilen darf, weil ich vor dem Hauptbahnhof rumstehe. Er ist jetzt wirklich ungehalten, aber noch nicht bereit den Kampf so einfach aufzugeben: „Sie gehen jetzt bitte weiter, denn Sie behindern mich bei meiner Arbeit!“.
„Ich behindere Sie??!“ – das Lachen unterdrücke ich absichtlich nicht ganz obwohl ich weiß, dass ihn das wütend macht. Das ist alles so absurd und lächerlich. Wo lebe ich hier eigentlich? Langsam merkt er, dass seine Machtdemonstration nicht funktioniert und dass es kalt ist und dass er wohl auch keine Lust mehr hat, länger in der Kälte herumzustehen. Ich bin etwas stolz, dass dieses Mal ich irgendwie ein bisschen gewinne. Kommt ja selten genug vor. Das bringt mich in Fahrt und ich setze noch einen obendrauf: „Hören Sie, ich stehe in keiner Feuerwehrausfahrt, ich habe Sie nicht angesprochen und stehe ihnen nicht im Weg rum. Sie sind zu mir gekommen – da können Sie jetzt doch nicht sagen, ich würde Sie behindern!“
1:0 für mich, aber er lässt sich nicht irritieren.
„Ich schütze die Rechte des jungen Mannes hier.“ sagt er und zeigt auf den dunkelhäutigen Jungen.
„Ich glaube nicht, dass ich diejenige bin, die hier irgendwelche seiner Rechte verletzt! Lassen Sie mich in endlich in Ruhe. Was Sie hier machen ist Amtsmißbrauch.“ Keine Ahnung ob das so ist, aber es klingt gut.
Schließlich und endlich reicht es ihm: „ Na dann bleiben Sie hier eben stehen!“. Er geht zurück zu seinem Kollegen, der offensichtlich endlich fertig ist mit der Befragung. In seiner Hand hält er einen Ausweis mit türkischem Stempelaufdruck:
„Der gehört ihrem Freund, sagen Sie? Na ich weiß nicht, ob ich das glauben soll. Wir nehmen den jetzt erst mal mit – ihr Freund kann sich den dann bei uns abholen!“
Der Junge ist entsetzt: „Der gehört meinem Freund, den habe ich als Pfand bekommen, er schuldet mir zwanzig Euro.“
„Na, so ein guter Freund kann das ja nicht sein, wenn sie nicht mal daran glauben, dass er ihnen das Geld von allein wieder gibt.“ – Polizisten wissen eben wie Freundschaften gestaltet werden müssen. „Ihr Freund kann den Ausweis bei uns abholen!“.
Damit ist entschieden, dass der Junge den Pass nicht wiederbekommt. „Kostet das was?“ fragt er resigniert.
„Na ja, eine Aufbewahrungsgebühr. Und wir überprüfen, ob der Ausweis seinem Besitzer entwendet wurde.“
Ob das mit der Gebühr wirklich stimmt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall hat das dem Jungen den Rest gegeben – jetzt muss seinem Freund erklären, dass dessen Ausweis bei der Polizei in Verwahrung ist.
Endlich lassen die Beamten von ihm ab und wenden sich zum Gehen.
„Einen schönen Abend noch.“ wirft mir der Beamte mit dem ich mich unterhalten habe in sarkastischem Ton zu, als er an mir vorbeigeht. Beide sind sichtlich zufrieden mit sich und der Welt.
Ich gehe rüber zu dem Jungen, der immer noch dabei ist, seine Taschen wieder einzupacken.
„Hey, alles klar?“, frage ich ihn.
Er sieht mich an „Ja, …ja, …die Arschlöcher. Ich wollte zu McDonald’s, was essen. Die sind mir entgegen gekommen und haben mich dann angehalten. Einfach so! Die haben Drogen gesucht … Ich hab’ gar keine…das haben die eh nicht geglaubt … Diese Arschlöcher! Jetzt haben die den Ausweis von meinem Kumpel mitgenommen.“ Er hat Tränen in den Augen und dreht sich weg, damit ich es nicht sehe. Im Licht der Straßenlampe glänzen seine Augen und das verrät ihn.
„War das blonde Mädchen Deine Freundin?“, will ich wissen.
„Nein!“, antwortet er mit gespieltem Entsetzen. „Das ist, glaube ich, eine Auszubildende von denen vor der die sich aufspielen wollten.“
„Die haben’s auf mich abgesehen weil ich schwarz bin. Das glaubt mir doch wieder kein Mensch. Alle sagen, das würde ich mir nur einbilden, das mit der Hautfarbe.“ Er sieht mich an. Hilflos, sprachlos, allein.
Er nimmt seinen Rucksack und geht: „Danke noch mal, dass Du gewartet hast.“. Er lächelt tapfer. Wir beide wollen nur noch weg hier. Gibt es ein Land auf der Erde…?
Im Bahnhof sehe ich, wie die beiden Polizisten und ihre Auszubildende einen Obdachlosen auffordern seine Taschen zu leeren. Vielleicht halten sie den auch für einen Drogendealer…
… ich weiß nur eins und da bin ich sicher, dieses Land ist es nicht.