Lotta C’s Weblog











{Juli 3, 2008}   Welcome!

Diese Gesellschaft funktioniert nicht. Zu viele fallen hinten runter, kommen nicht mit und leiden unter den Verhältnissen. Was ist die Antwort der Hip Hop MCs? Sie schreiben, dass man alle ficken und irgendwann fett Knete haben wird… Da will keiner was ändern, da wird man lieber selbst zum Arschloch und akzeptiert die Verhältnisse. Dann ist die Armut in der man lebt sogar schick – und hey, änder daran bloß nichts. Dann bist du ja kein richtiger Gangster mehr… Beschweren über die Wohnklos im Märkischen Viertel? Bloß nicht, das gehört zum Image. Kritisieren, dass zu viel Gewalt auf den Straßen herrscht? Ach nee, das ist irgendwie “schwul”…

Und klar interessiert man sich nicht für Politik. Man(n) spielt lieber Gangster! Bitte nicht erwachsen werden, bitte immer irgendeinen Film in den man sich zurückziehen kann, bevor man nachdenken muss! Doch wer hier lebt, ist nun einam verantwortlich für das, was hier passiert. Und das kann man sich nicht aussuchen wie die Farbe seiner Haare oder die Marke seiner Jeans.

Ich bin wütend (nicht immer, aber oft). Ich habe die Nase voll von der Kategorisierung, wozu Rap dienen darf und wozu nicht. Ich will nicht mehr hören, das sei oldschool und das newschool, das ist in ist und das out. Ich will auch nicht mehr hören „Das ist mir alles zu anstrengend!“ (Britney Spears oder Walgesänge sollen da ja ganz tolle Alternativen sein!). wer hat gesagt, dass der “echte Rap” sich nicht um politische Inhalte dreht? Wer hat dir gesagt, dassder „echte Rap“ unterhalten soll, dass nur sein Flow zählt?

Auf jeden Fall können jetzt alle, die mir nicht zuhören wollen, weil ihnen das zu unfunky ist wenn es um Inhalt geht, einfach abschalten, den Blog nicht lesen, die Seite wegklicken. Und ich kann mich endlich austoben! Ein sehr gutes Gefühl. Yeah…

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{August 5, 2010}   Yam Yam Mannheim

Hi,

kleiner Tipp: geht da nicht essen. Ist nicht lecker!

Aber empfehlen kann ich die Pizzeria Portofino: probiert das Mango- und das Zimteis. Pizza ist auch sehr lecker.

Wollte ich nur loswerden…



{Januar 12, 2010}   Nackte Tatsachen

Chaoze hat mir da wieder eine interessante Diskussion auf Myspace gezeigt. Es gibt da so Bildchen mit Frauen in erotisch, eindeutig-zweideutigen Posen, die auf ihren T-Shirts so etwas stehen haben wie „Sexy gegen Rechts“ und andere antirassistische oder Anti-Nazi-Sprüche. Und dann gibt es noch die neuen Freundinnen vieler Linken – die Suicide Girls (http://www.myspace.com/suicidegirls).

Chaoze hat sich auf der Seite http://www.myspace.com/demo32429 bei den Fotokommentaren beschwert, dass er die Darstellungen sexistisch und nicht emanzipatorisch findet. Folgende Antwort der Macher/innen der Seite:

„Das Bild diskriminiert keine Frauen und schreibt ihr auch keine
stereotype Merkmale zu. Erotik ist nicht gleich Sexismus, sondern auch
Ausdruck von Emanzipation. Es wird auch niemand auf Erotik reduziert um
ein Produkt zu verkaufen.

Voreilige Sexismus-Vorwürfe sind Unterdrückungsmechanismen gegen
Emanzipation. Ob Mann/Frau ganz allgemein auf Erotik reduziert wird,
wenn er/sie sexy posiert liegt im Auge des Betrachters.

(http://www.myspace.com/demo32429)“ und der nette Kommentar: „Du bist der Sexist!“. Ich würde mal sagen: Getroffene Hunde bellen…

Damit ihr wisst wovon wir reden:

Ich kann den Fotos ehrlich gesagt nicht ansehen dass sich die Frau aus emanzipatorischen Gründen so darstellt. Sie ist ja auch nicht so wie in den 68ern einfach nackt, sondern posiert in sexuellen Posen, in Miniröcken, mit Zöpfchen, geschminkt und in engen Tops oder Blusen.Der einzige Unterschied soll jetzt eben die Freiwilligkeit hinter den Darstellungen sein. Sorry, aber das ist echt ein alter Hut! Die Diskussion gab es schon mal… Wohl gemerkt, wir reden von Zeiten in denen Alice Schwarzer noch ein Teenager war.

Die Argumente sind auf allen Seiten die selben: solange Frauen es freiwillig machen ist es okay. Dass sie es immer in einem System machen, in dem sich eine Frau nicht entscheiden kann, ob sie sich dem Unterdrückungsverhältnis aussetzt oder nicht und das auch ihr Dneken beeinflusst und in dem auch Männer, egal wie links sie sind, sich den Sexismus-Mechanismen nicht entziehen können, wird außen vor gelassen. Jede/r, die/der keinen Unterschied sehen kann zwischen den aufreizenden Bildchen einer nicht linksorientierten Aktdarstellerin und einer Szenefrau,  wird als sexfeindlich oder anti-erotisch dargestellt  – dabei kennt ihr weder mich noch mein Sexualleben!=)

Fragt mal irgendeine Pornodarstellerin oder irgendein Model aus dem Playboy, ob sie sich unterdrückt fühlen oder ob „sie sich ausziehen, weil sie sich für ihren Körper nicht schämen und weil es so emanzipatorisch ist, das doch einfach mal zu machen – egal was die Leute sagen blablabla“ (O-Ton). Welche Antwort würdest du wohl bekommen?

Wo liegt der Unterschied, wenn eine Frau sich für den Playboy auszieht oder ob sie es für eine Anti-Nazi-Kampagne macht? (Die eine bekommt Geld, die andere nicht – schön dumm!). Wer sieht sich die Bilder an? Was soll beim Betrachter der linken Pornobildchen anderes ausgelöst werden als bei dem Betrachter einer Super-Illu? Ist es nicht vielleicht sogar so, dass linke Männer gerade darauf gewartet haben – endlich linke Wichsvorlagen? (Sorry Jungs, das ist bewusst provokant. Also schreibt jetzt bitte nicht, dass ihr nicht so seid und dass eure Freundin nicht unterdrückt wird. Wichsen ist völlig okay und nette Bilder dazu im Kopf auch – aber mir soll doch bitte niemand erzählen, dass seine Phantasie frei und unbeleckt ist vom bestehenden Männer- und Frauenbild inklusive Unterdrückungsverhältnis und daraus resultierenden Vorstellungen über Erotik und Sexualität).

Sind besagte Bilder etwa für Frauen? Die Posen, die Frauen und die Verkleidungen entsprechen doch sowohl eindeutig dem herrschenden Schönheitsideal (und daran würde sich auch nichts ändern, wenn die Frauen 10 Kilo mehr auf den Rippen hätten) als auch dem herrschenden Hetero-Männer-Pornobild.Ist vielleicht einfacher, dem anerzogenen Ideal endlich entsprechen zu könne, als wirklich neue Wege in der Sexualität zu gehen. Wo sind eigentlich eure Achselhaare?

Im bestehenden System kann es keine befreite Sexualität oder Pornografie geben (wenn das Wort in einer anderen Gesellschaft dann überhaupt noch Verwendung findet oder Bilder halbnackter Menschen gewollt werden). Alte Leier? Kennt ihr schon? Dann aber nicht wieder vergessen. Sexismus löst sich nicht in Nichts auf, nur weil wir so tun als gäbe es ihn nicht oder weil wir uns so verhalten, wie es Frauen seit Jahrhunderten tun und heute einfach dazu erklären, wir wollten es selbst so. Und das Schlimme ist, er sitzt so tief in uns, dass wir nicht einmal merken, wenn wir uns in das Unterdrückungsverhältnis einfügen und uns dabei besser fühlen als all die armen Irren, die wahrscheinlich nicht einmal merken wie böse sie gezwungen werden. Das ist keine Emanzipation. Das ist Eitelkeit und Arroganz.

Und was haben eure Fotos mit irgendeiner Auseinandersetzung mit Nazis zu tun? Ich bin eine Frau und habe auch eine Meinung? „Kann trotz Brüsten denken?“ Die Verbindung von Sex und Gewalt? Vermarktung des Körpers oder Nutzung des weiblichen Körpers um Aufmerksamkeit zu erregen? Ganz neue Ideen… gähn… Verstehe ich nicht… Da könnte auch Werbung für die Cola Zero draufstehen – die Welt so wie sie sein sollte.

Wie frau mit dieser individuellen Fotoreihe für die Frauenbewegung an sich etwas tun will, ist mir echt schleierhaft… Das neue Kennzeichen der Frauenbewegung: jede für sich, einzeln und allein. Individualisierung an allen Fronten. Wie ihr eure Sexualität lebt und ob ihr euch vor der Kamera auszieht ist mir doch schnuppe. Daran hindere ich euch auch nicht. Aber ich habe keinen Bock euch dabei zuzusehen. Macht’s doch wie mit dem Kacken- erzählt ihr ja auch keinem davon, auch wenn es sicher total nett wäe in einer befreiten Gesellschaft sich seiner Würstchen nicht mehr zu schämen und dieses Erlebnis mit allen zu teilen. Oder???

Was habe ich als Frau davon, wenn ihr euch jetzt für die Linken statt für irgendeinen schmuddeligen Nachbarn oder einen Bundeswehrsoldaten am Hindukusch auszieht, der sich auf eure Nacktfotos einen runterholt? Und diese Unterwerfungsposen und „Ich bin ein wildes Kätzchen“-Bilder sind doch echt peinlich… Nichts gegen Sex, Nacktheit und Erotik – aber wenn das emanzipatorische Politik ist, frage ich mich wo die Bilder der linken Männer sind – die müssen sich ja auch vom Männerbild emanzipieren und von denen sehe ich nichts. Und wieso merkt man an linken Männern nicht, dass sie ein anderes Frauenbild haben seit es eure Bilder gibt? Und wie viele Frauen erleben Sex durch euch jetzt ganz neu? Wie viele vergessen die beschissenen Erlebnisse mit Szene-Männern, mit anderen Männern jetzt, nachdem ihr ein ganz neues Frauenbild vermittelt habt? Und wie viele sehen sich selbst und ihren Körper in einem ganz anderen Licht und kommen über ihren Selbsthass hinweg nachdem sie wissen auch in der Szene kommst du nur mit Minirock, Kleidergröße XS und sexy Posing an?

Wir Frauen werden erzogen, um soziale Bindungen zu gestalten, harmonisch auf Beziehungen zwischen uns und anderen einzuwirken (ich kann das an anderer Stelle mal ausführen, hier geht das zu weit). Wir werden erzogen mit unseren weiblichen „Reizen“ zu arbeiten – Sexualisiertung, um dieses Ziel zu erreichen, sind wir als Mittel gewohnt. Es ist eine Frage der Sozialisation, dass immer wieder nur Frauen auf die Idee kommen, sich auszuziehen vor einer Kamera und das Bild in die Öffentlichkeit zu stellen in dem Versuch ihre Sexualität, ihr Geschlecht zu behaupten. Mit wechselnden Argumenten. Wir alle wollen sexy sein und auch so wahrgenommen werden. Das Urteil des anderen bestimmt über unseren Grad an Sexappeal – nicht wir selbst. Ich halte das Bedürfnis auf diese Art Anerkennung zu finden eben nicht für eine natürliche Anwandlung, sondern für eine Erziehungsfrage. Und dass wir die Bildchen nur für uns machen ist doch Quatsch – wir wollen ja, dass andere sie sehen, uns erotisch finden und uns diese Rückmeldung geben. Und das ihr euch schön und sexy findet ist von mir aus auch okay. Aber warum braucht ihr dazu den Spiegel und das Urteil des Betrachters, wenn das doch alles aus emanzipatorischen Gründen geschieht? Wir Frauen wollen uns gleichstellen indem wir … was tun – uns ausziehen? Also bitte…

Männer tun DAS im Verhältnis dazu übrigens recht selten. Ihre Bilder sind andere (guckt euch mal die in linken Kreisen kursierenden Männerfotos an, dann wird das schon deutlich). Ausziehen kommt ihnen irgendwie blöd vor. Ich würde mir ja mal eine Seite mit Suicide-Men wünschen (warum eigentlich immer Girls / Mädchen und keine Frauen?) – da fehlt wenigstens das Unterdrückungsverhältnis und ich wäre doch zu gespannt, wie sich Linke befreite Darstellungen erotischer Männlichkeit vorstellen ohne dass diese Mackerhaft wirkt.

Diese ganzen Pornobilder in der Linken zu meiner Befreiung vom Joch des Sexismus hängen mir zum Hals raus. Also zieht euch bitte wieder an, steht vom Boden auf und hört auf so zu gucken! Hört auf uns ins Knie zu schießen, denn so hat uns das frauenfeindliche Unterdrückungsverhältnis da wo wir seiner Meinung nach hingehören: wir unterdrücken uns selbst und erklären, das mache Spaß. Ist ja wohl Schwachsinn… Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Lotta

Januar 2010

P.S.: Ich möchte nicht, dass sich irgendjemand von mir beleidigt fühlt. Ich kenne euch persönlich nicht. Das ist auch nicht nötig, denn ich kritisiere nicht euch als Mensch sondern die Idee, die ihr vertretet. Ich bin sauer – aber nicht auf euch. Ich bin sauer, dass es schon so weit gekommen ist und dass diese Rollenvorstellungen nach all den Jahren in denen ich mich schon mit ihnen auseinandersetze nie müde werden oder schwächer oder verschwinden. Ich agumentiere polemisch, das ist richtig. Ihr seid hübsche, attraktive Frauen, die sicherlich die meisten Menschen sexy nennen werden. Aber ist das alles was ihr sein wollt? Mehr als euren Körper kenne ich von euch nämlich leider nicht.



Ich tippe in mein Handy: „Wo seid ihr? Soundcheck?“, lösche es wieder. Will ja eigentlich sagen: „Ihr fehlt mir! Mir fehlt die Musik!“.

Shana schreibt ne SMS. Sie ist froh wieder zuhause zu sein, trotzdem wehmütig.

Deadly schreibt auch: „Sollen wir nicht doch noch einmal?“ und meint eine neue Tour.

Chaoze hängt auch seinen Erinnerungen nach und überlegt laut, was wir vor einer Woche gerade gemacht haben.

Es ist komisch wieder hier zu sein, in der Stille ohne Menschen. Der erste Abend mit Tatort und Eis auf dem Sofa statt auf einer Bühne…jetzt spielen wir gerade, jetzt kommt die Zugabe, jetzt gehen wir in den Bus, hey Dawid, du kannst fahren…!

Morgen wieder arbeiten gehen. Bäh! Ich mag nicht. Chaoze und ich gucken Videos, Fotos, lachen uns kaputt.

Danke an alle, die zu den Konzerten gekommen sind! Danke an alle Veranstalter, Mischer, Techniker, Leute, die beim Auf- und Abbau beteiligt waren, die Sicherheit gemacht haben, gekocht und eingekauft haben, die geputzt und aufgeräumt haben, die Flyer layoutet und plakatieren waren oder sich sonst irgendwie an der Vor-, Nachbereitung und Durchführung der Konzerte mit uns beteiligt haben. Vielen Dank, denn ohne euch wäre diese Tour nicht möglich gewesen.



Mir blutet das Herz! Hagen, wir sind da und damit auch unser letztes Konzert. Die Jungs von Anarchist werden hier aussteigen und packen schon ihre Sachen. Shana und Alva werden ebenfalls abgeholt und der klägliche Rest wird morgen früh um 4 Uhr in Wesseling aussteigen und das Merchandise wegbringen.

Zum Abschluss gehen wir alle noch ein letztes Mal essen, in einem chinesischen Riesentempel (es kommt da bei einigen die Frage auf, ob es sich dabei nicht um irgendeinen Geldwäschebetrieb handelt, denn in der Regel sind diese Restaurants ja meistens leer und schließen doch nicht).

Die Veranstalter haben uns ein tolles Catering bereitgestellt, wir haben eine Dusche (die man nicht abschließen kann, aber Dawid hat auch hierfür eine Lösung und bastelt mit Hilfe eines Stocks einen Türhebel, der die Tür während des Duschens zuhält.) und sie haben uns die halbe Straße gesperrt, damit wir mit dem Bus parken können. Das nenne ich mal eine unglaublich gute Organisation. Leider hatten wir gar keine Gelegenheit länger mit ihr zu reden, da wir alle so im Abschiedsstressschmerzwehmutsgefühl versunken waren, dass mir erst viel zu spät aufgefallen ist, dass wir ja durchaus auch mehr Kontakt hätten haben können.

In der Pelmke hat schon einiges an Musikprominenz gespielt, aber wir müssen wohl das erste Hip Hop Konzert gewesen sein. Waren Anarchist noch nie bei euch?

Jedenfalls hat es mir sehr gut gefallen, dass so viele der uns doch näher stehenden Leute zum letzten Konzert gekommen sind. Die Leverkusener mit denen wir schon das eine oder andere fette Konzert gemacht haben waren da, Lüdenscheider, unsere LebensgefährtInnen (die sollen auch erwähnt werden, schließlich haben sie Fahrer gespielt und es akzeptiert, dass wir uns eine Woche auf den Bühnen dieser Welt feiern lassen und sie dabei zuhause sitzen) und was mich besonders gefreut hat: die Bielefelder Veranstalterinnen. Zum einen war das ein Zeichen dafür, dass ihnen das Konzert gefallen haben muss, sonst wären sie ja nicht noch mal gekommen (oder wir haben so leise gerappt beim ersten Mal, dass sie unbedingt noch mal kommen mussten, um unsere Texte zu verstehen) bzw. dass wir supergeiles Merchandise haben, dass sie unbedingt auch haben wollten. Die Pullover sind aber auch der Hammer. Sagt auch Heiko. Kann man übrigens immer noch über unsere Homepage bestellen! Genauso wie die CD, von der mir mittlerweile unser Nachbar, und der ist Punkrocker durch und durch, sagt, dass er sie schon seit zwei Tagen hört und sie wirklich geil findet. Ich höre sie auch immer noch und erwische mich manchmal dabei, wie ich auf der Straße laufend die Faust hochreißen will, weil das an der Stelle im Konzert immer kam.

Traurig waren wir alle ein bisschen. Dabei sehen wir uns wieder, wir sehen uns immer wieder. Und ein Revival ist ja auch immer noch nicht vom Tisch… Der letzte Song, das outro läuft, wir liegen uns in den Armen. Ich muss runter von der Bühne, hab nen Kloß im Hals. War so schön, war so anstrengend manchmal, war so nah und so weit weg von dem was ich sonst so mache. Ich will nicht zurück ins „wahre Leben“. Ich will hier bleiben auf der Bühne mit meinen Jungs und Mädels. Ach Mensch…

Sitzen im Backstageraum, essen und trinken noch was, genießen die letzte Stunde. Die ersten gehen. Erst Shana mit Alva. Dann Bütti, Deadly und Bomba,… Wir anderen steigen für eine letzte Fahrt zu Dawid in den Bus. Müssen noch Sachen einpacken. Wem gehört das grüne Handtuch? Wo ist meine Kamera? Rossi, DJ Ra, Asya, Callya und Latimo schlafen oben in den Kojen, Dawid fährt, noch eine Stunde. Chaoze und ich sitzen allein unten am Tisch. Wie kann man einen Moment aufhalten, von dem man nicht will, dass er vorbeigeht, weil dann einfach alles vorbei ist? Klingt so dramatisch… War dramatisch. Hat weh getan. Noch eine Stunde bis wir aussteigen, 3 bis wir dann zuhause sind, 48 Stunden und ich stehe wieder im Büro, lese Unterlagen durch, die mich eigentlich nicht interessieren, schreibe Briefe, tippe, lese wieder, beantworte Mails, gehe mit Kollegen zum Essen, telefoniere, bespreche mich mit meinem Chef, lächle, hole Unterschriften ein, Stempelkarte rein, Stempelkarte raus, weiter lächeln, „Tschüß bis morgen!“ sagen, … Und so wenig Musik, so wenig echtes Leben, so wenig Menschen, die mit mir singen und die Faust heben und glauben, dass da noch was anderes geht. So wenig von dem, was sich in meinem Leben gut anfühlt. Ich weiß, dass ist eine Phase. In zwei, drei Tagen sehe ich mir die Fotos an, habe die meisten Erinnerungen nur noch als Bilder, nicht mehr als Gefühle in mir und bin wieder voll im Alltagsstress. Das ist immer so. Ist ja vielleicht auch gut so, damit ich wieder leer werde für neue Erfahrungen. Aber jetzt will ich noch nicht… Ich will noch hier bleiben. Der Bus bremst ab, wir sind wieder da angekommen, wo wir vor 10 Tagen gestartet sind.



„Köln, die Stadt am Rhein mein Zuhause…“ rappt Asya in „Heimat“ auf unserer CD. Dort soll die Moschee erweitert werden und das ruft so ein Nazibündnis auf den Plan, das schon zum zweiten Mal einen „Anti-Islamisierungskongress“ abhalten will. Zu den Gegenprotesten waren wir als Band von einem breiten Bündnis eingeladen worden.

Am frühen Morgen kamen wir in einem Meer aus grünem Blech und Uniformen in die Stadt am Rhein. Tausende Polizisten mit einem gigantischen Fuhrpark (Wofür brauchen die alle diese Baufahrzeuge?) belagerten die Stadt. Warum eigentlich? Pro Köln bekam für ihren Anti-Islam-Kongress keine Demoroute genehmigt und an der Hauptkundgebung auf dem Barmer Platz nahmen statt der erwarteten 1000 Teilnehmer nur 150  teil. Erfreulicherweise haben es auch rund 100 AntifaschistInnen auf den selben geschafft und waren so noch näher dran als die anderen 3.000 GegendemonstrantInnen, die sich an verschiedenen Orten in Köln Deutz versammelt hatten. Nicht immer friedlich blieb die Polizei, die durch ihr massives Aufgebot und seltsame Aktionen wie das Sperren der Eingänge zum Bahnhof Deutz unter Beweis stellen mussten, dass sie Herr der Lage war, auch wenn dieses Herr sein keinen Sinn machte und vermutlich mehr Ärger heraufbeschwor, als wenn man sich bedeckter gehalten hätte. So kam es auch während unserem Auftritt zu handfesten Kampfeinlagen der behelmten und gepanzerten Bereitschaftspolizisten (wie man an so was Freude finden kann wird mir immer ein Rätsel bleiben!). Chaoze war immer wieder versucht von der Bühne zu springen und konnte nur mit Mühe aufgehalten werden. Leider fand ich die Situation oft so undurchschaubar, wer da jetzt was vorhat und wohin unterwegs war. Zwischenzeitlich kam die Meldung durch, es gäbe auf dem Kundgebungsplatz der Pro Köln Nazis eine Sitzblockade von unseren Leuten, die gerade zusammen geknüppelt werde. Daraufhin verließen mehrere hundert GegendemonstrantInnen konsequenterweise den Ort vor der Bühne. Auch wir hatten ursprünglich vor, nach nur einem Lied gleich zu gehen und uns solidarisch denen an die Seite zu setzen, die sich den Nazis an Ort und Stelle entgegenstellen und nicht mehrere Kilometer weit weg zu Wahlpropagandazwecken in Fernsehkameras lächeln. Dann kam allerdings wieder Entwarnung – die Blockade würde standhalten, Pro Köln müsse den Kongress für gescheitert erklären und die Polizei hätte die Versammlung aufgelöst.

Wir waren immer noch an der Bürgerbündnis-Bespaßungsbühne, auf der ein „Ich schreibe meine Lieder selber“-Chor sein Unwesen trieb. Ich krieg einfach nicht auf die Kette, warum diese Combos aus Gitarre, Flöte und „Wir wollen keinen Atomstrom“-SängerInnen nicht ausstirbt. Als ob es etwas Peinlicheres gäbe! Uns wurde nach unserem Kurzauftritt dann zu viel Emotionalität von irgendwelchen Schlips- und Rockträgern mit SPD-Umhängebändchen unterstellt. Sie hätten auch gute Konzepte, vielleicht etwas weniger emotionsgeladen, leitete der Redner in Mausgrau seinen Vortrag ein. Tja, Alter! Genau das ist dein Problem… Deswegen rocken wir und du kackst so ab. Peinlich!

Wer mir eigentlich wirklich leid tat, war der DGB-Jugendvorsitzende, der sich von älteren Männern mit hervorgeschwollenen Halsschlagadern, gelben Warnwesten und Blockwartton herumkommandieren lassen musste. Ich war echt sprachlos als ich das mitbekam und dachte erst, der Typ, der den anderen da so anschnauzt sei einer vom Ordnungsamt oder den Bullen. Er wolle nie wieder hören, dass da irgendwer zusammengeknüppelt wird, das könne man jetzt nicht gebrauchen, es müsse jetzt zur Ruhe aufgerufen werden blablabla… Gib dem Deutschen eine Uniform und einen Posten und er wird zum Tier! Selber keinen Arsch in der Hose, sich mit uns oder den schwarzgekleideten „Störenfrieden“ direkt anzulegen, sondern den Druck immer schön weiter nach unten geben. Da fehlt mir jedes Verständnis. Was macht denn dann den Unterschied zwischen euch und meinem Chef aus? Der tut wenigstens nicht so, als sei er mein Kollege. Da würde ich doch das nächste Mal als junger Mitorganisator mein Engagement ganz weit runterfahren und mir denken: „Mach’s selbst du Schreihals!“.

Wir haben den Ort des Geschehens gleich verlassen, nachdem wir den Kurzauftritt schnell hinter uns gebracht haben und sind dank Dawid schnell und ohne weitere Kontrollen aus Köln rausgefahren Richtung Hagen. Da sollte unser Abschlusskonzert stattfinden.



Himmel, wo liegt eigentlich Straußberg? Gleich hinter oder neben Berlin, je nachdem von wo man guckt. Gabriel, unser zweiter Fahrer, den wir in Luzern aufgegabelt haben und der laut Dawid den Bus durch Polen gelenkt haben muss, hat sich dann auch gleich nach einem Mittagessen in der City (ha, ha, ha!) in die Bahn gesetzt und ist nach Hause, Richtung Berlin abgedampft. Aber er hat lobend erwähnt, dass wir ihn sehr gut versorgt haben. Dabei haben wir ihm bloß freien Eintritt in die Location in Luzern verschafft, einen Kaffee gebracht und ihm Essen zurückgestellt. Das ist doch das mindeste oder? Wenn Heiko von Köterhai glauben darf, soll es aber Bands geben, die nicht nur unglaublich unfreundlich und herablassend zu ihren Busfahrern sind, sondern die sie sogar aus dem Bus rausdreschen, so dass der Fahrer die Tour abbricht. Was geht denn bei denen ab? Dawid hatte da offensichtlich mehr Glück mit uns 🙂

In Straußberg angekommen haben wir die Veranstalter mehr oder weniger aus der Gemütlichkeit des Morgens hochgeschreckt (wir waren ja wieder mal zu früh da) und sind in den Backstageraum und in ihre Duschgelegenheit eingefallen. Es gab sogar eine Badewanne! Und eine saugeile Dusche mit Treppchen und großer Fensterscheibe. Ich bin echt neidisch. Fehlen nur noch mehrere Duschhähne, um das Gruppenduscherlebnis perfekt zu machen.

Straußberg ist zwar nur ein kleiner Ort, hat dafür aber einen riesigen wunderschönen See zu bieten. Mit einer exklusiven Stadtführung haben uns einige der HausbewohnerInnen zudem richtig neidisch gemacht: Sie haben sich für einen Spottpreis ein verfallenes Anwesen und Gebäude gekauft und renovieren das jetzt. Und der Teil, der fertig ist, sieht schon richtig gemütlich aus. Und was finde ich in all dem Bauschutt? Eine junge welt von 1985. Mit Modeseite darin, in der dem sozialistischen Mann und der sozialistischen Frau von Welt geraten wird, was er bzw. sie im Jahre 1985 zu tragen hat. Unglaublich! 1985 haben mein Bruder und ich „Wild Boys“ von Duran Duran gehört, das Schengener Abkommen wurde unterzeichnet und ich kam in die 3. Klasse der Grundschule Hude Süd. Damals trug ich rosa Pullis, zu kurze lange Hosen und hatte so einen komischen Vokuhila-Haarschnitt (wehe einer lacht!). Und nach der jw zu urteilen wäre ich in der DDR damals wohl gar nicht aufgefallen. Oder sahen die im Westen auch alle so aus?

Das Konzert selbst war nicht besonders toll besucht. Also um ehrlich zu sein schätze ich die Zahl der Besucher auf knapp 10 zahlende Gäste. Sowas ist immer beschissen als Künstler, denn du überlegst dir natürlich, wie hoch die Verluste der Veranstalter sind, welche Erwartungen du enttäuscht hast und warum um alles in der Welt keiner kommt. Vielleicht lag es am Wetter, vielleicht an einer anderen Veranstaltung in der Nähe oder vielleicht ja auch an uns?! Wir hatten aber Besucher, die uns begeistert die Hände geschüttelt haben und unsere Show als „Profishit“ gefeiert haben. Ich bekam das Lob, schön gesungen zu haben. Worauf ich als Rapperin natürlich extrem stolz bin. Shana sagte später, das sei als wenn man eine CD macht und jemand lobt die mit den Worten „Tolles Coverfoto!“. Na ja, nehmen wir es als Ansporn besser werden zu müssen. Besser, als wenn man mich mit Sabrina Setlur verglichen hätte… 😉

Jedenfalls danke an all die Leute, die trotz des Gewitters zu uns gefunden haben. Passt auf, wo ihr euch in den saugeilen Garten setzt. Da gibt es eine Menge Zecken und das ist ernst und nicht metaphorisch gemeint… Wir sind auf dem Weg zu unserem letzten Gig nach Köln! Und ich bin raus. Singen, du Mädchen!



Irgendwann mitten in der Nacht haben wir die Grenze passiert, dem Zöllner 700 EUR cash auf die Hand als „Pfand“ für den Merchandise-Verkauf da gelassen und sind bei strahlendem Sonnenschein ein paar Stunden später in Luzern eingefahren. Dank unseres teulfischen Fahrers Dawid wieder viel früher als erwartet und geplant. Für uns gut, für die Veranstalter etwas schlechter, denn wir klingeln sie regelmäßig zu früh raus. Ich mag Besuch uch nicht, der regelmäßig 2 Stunden früher auf der Matte steht als angeklündigt. Aber es hat uns auch in Luzern einmal wieder keiner übel genommen 😉

Ich habe meiner Erkältung zuliebe eine Auszeit genommen, habe mich in die Koje verzogen und geschlafen, während die anderen an einer Diskussionsrunde in einer Schule und beim Radiointerview dabei waren (dank des schönen Wetters und des in der Nähe gelegenen Sees nahmen am Radiointerview auch nur noch Chaoze und Deadly teil).

Ich habe den Tag also mehr oder weniger verpennt, einzig das sehr gute Essen habe ich mir nicht entgehen lassen: Couscous mit Gemüse-Tomaten-Soße und das war erst der Anfang. Das Catering nach der Show (um das mal vorwegzunehmen) war großartig, obwohl vegan. Ich habe da so meine Vorurteile und werde selten eines besseren belehrt, aber die SAITAN SUPA CREW konnte das. Schon vor der Show haben wir Brot, Kartoffeln und Gemüse mit verschiedenen Dipps, Blätterteigschnecken, Schokoladenkuchen und süße Datteln mit Pistazien bekommen. Einige von uns mussten wir richtig mit Gewalt vom Büffet weg zur Bühne zerren! Der absolute Hammer aber war der Schokoladenkuchen in Bühnenform mit uns als Marzipanfiguren drauf. Bütti hat dann Önders Kopf gegessen, der sich das nicht gefallen lassen wollte und daher Büttis Kopf gegessen hat. Eine Schokopraline machte dann aus dem ehemaligen Bütti so etwas wie Darth Vader. Zum Glück fehlte jeglicher Voodoo-Zauber, sonst hätte irgendwer wohl wahnsinnige Kopfweh gehabt.

Vor uns sind noch Direct Raption auf die Bühne gegangen und haben das publikum angeheizt, von dem zugegebenermaßen mehr hätte da sein sollen. Wie wir später erfahren haben, hat sich aber ein Teil des HipHop-Publikums bei einer Freestyle-Session aufgehalten. Mit denen die da waren (und das waren ja für einen Donnerstag nicht wirklich wenige), hatten wir aber eine gute Show, nicht zuletzt auch dank Smiley, der uns abgemischt hat.

Aber wie gesagt, das Essen war so unglaublich, dass ich mich an den Auftritt nur schemenhaft erinnern kann. Leider mussten wir es richtig runterschlingen und uns abhetzen mit duschen und einpacken, denn um 1 Uhr mussten wir los – der längste Teil der Fahrt stand uns (na ja eigentlich Dawid) bevor. Die Strecke sollte sich Dawid mit Gabriel, einem weiteren Fahrer teilen und als der mir am nächsten Morgen aus dem Bus entgegen kam, dachte ich erst: „Ach du scheiße, wir haben irgendeinen aus Luzern mitgenommen, der sich in unsere Bus zum Schlafen gelegt hat.“,  doch dank Gabriel (und Dawid) kamen wir wieder viel zu früh in Straußberg in der Nähe von Berlin an. Von wegen bis 16 Uhr im Bus sitzen… 😉 Ich hab wieder mal nicht viel mitbekommen – Ohrstöpsel und Vorhang sei dank.



Scheiße bin ich krank und ausgerechnet heute muss der Bus meilenweit entfernt stehen. Er passt leider nicht beim Kafe Marat vor die Tür und Dawid setzt uns daher nur kurz ab, wir laden unser Merchandise aus und er parkt irgendwo auf einer Raststätte.

Habe ich euch Dawid eigentlich schon vorgestellt? Er hat eine eigene Myspace-Seite und so viele Fotos wie er von uns macht (Bomba beim Joggen, Jan beim Rasieren vor der Busfensterscheibe, …) schätze ich, dass er das eine oder andere irgendwann bei Youtube hoch lädt. Zumindest hat er gesagt, er macht das manchmal… Hier mal Dawids Myspace-Seite: http://www.myspace.com/touringdawid .Und er sagt, wenn man auf Youtube nach Nightliner googelt, dann findet man die Videos, die er aus den Fotos zusammenstellt. Hab da aber noch nichts gefunden :-(.

München ist kalt heute, ich friere und das nicht allein wegen meiner Erkältung. Und ich brauche eine Dusche… die gibt es im Müllerschen Volksbad aus dem 19 Jahrhundert (?!). Geschmackvoller Jugendstilbau mit einer Einrichtung in ochsenblutbraun (und das ist kein Scherz, das heißt wirklich so). Wie das mit dem Schlüssel und der Umkleidekabine allerdings funktioniert ist mir lange ein Rätsel geblieben, also nur was für eingefleischte Münchner. Duschen ist aber auch einfach eine so unglaublich geile Sache! Zum Essen waren wir stilecht in so einem bayerischen Gasthaus mit einer unfreundlichen Bedienung, die wohl versuchte lustig zu sein. Im Übrigen hat sich keiner getraut „6 mit Kraut“ zu bestellen und so bleibt mir für immer verborgen was es damit auf sich hat…

Das Kafe Marat hat sich beim Aufbau der Anlage nicht lumpen lassen und die ansonsten recht kleine Bühne mit Hilfe von Paletten erweitert. Das war auch nötig, denn 11 Leute brauchen ja auch ihren Platz. Ein bisschen hab ich befürchtet, dass die fette Anlage vielleicht das ohnehin einsturzgefährdete Gebäude an den Rand seiner Existenzfähigkeit bringt, aber es ist alles heil geblieben.

Gigs unter Woche sind etwas gewöhnungsbedürftiger als am Wochenende (und die spielen wir ja sonst immer). Es braucht etwas länger bis das Publikum aufgetaut ist und es kommen natürlich weniger als sonst. Aber München hat alle Erwartungen übertroffen: es waren mehr als 100 Leute da und das ist ja für einen Gig unter Woche unglaublich großartig! Müde waren die Münchenr und Münchnerinnen auch erst, aber es brauchte dieses Mal keinen Stromausfall, um sie aus der Reserve zu locken. Und zum Ende der Show, als wir schon alle längst im Backstage saßen, standen immer noch 50 Leute vor der Bühne und verlangten nach der Mic Mafia mit „Wann jeht der Himmel wieder op“ so lange und so intensiv, dass DJ Ra das Lied schließlich von Platte laufen ließ.

Dawid kam pünktlich wie immer, um uns abzuholen und hat mit uns noch einen Autohof aufgesucht, damit wir duschen konnten. Jetzt sind wir auf dem Weg nach Luzern, über die Schweizer Grenze, wo Oli von Direct Raption das Konzert mit uns veranstaltet. Es wird auch ein weiterer Fahrer zu uns stoßen, der sich die 1000 km mit Dawid teilen wird. Bin gespannt, wie es morgen meinem Hals geht. Gestern Nacht bin ich mit den Ohrstöpseln in der Hand, Hose noch an, Haargummi noch in den Haaren und Brille auf dem Kopfkissen eingeschlafen, so erschöpft war ich. Morgen muss das aber echt besser sein. In der Schweiz gibt es in den Clubs kein Rauchverbot und ich werde mit meiner Bitte um Nichtrauchen wohl kaum auf Gegenliebe stoßen. Heute war das schon so schlimm – nach meinem ersten Rap-Part habe ich gedacht, ich kann nicht mehr sprechen, geschweige denn singen oder rappen. Und wieder verschwand eine Ibuprofen nach der anderen in meinem Mund und was ist das für eine Erleichterung, wenn sie anfangen zu wirken und der Schmerz nachlässt. So habe ich den Auftritt zuende bringen können und erst im Bus gemerkt, dass ich mal nen Gang runterschalten muss, wenn ich mich morgen nicht wie Deadly anhören will.



Die Desi verspricht immer ein sehr, sehr geiles Konzert zu werden. Chaoze und ich werden am 30.5. dort auch auf dem „Fight Back Festival 2“ spielen und hatten den anderen, die noch nie in der Desi gewesen sind schon begeistert vom einzigen linken Club erzählt, in dem Hip Hop den Ton angibt und nicht Punk oder HC. Dawid, der Devil hat die sehr enge und steiel Einfahrt zur Desi hoch mühelos gemeistert und uns dann noch den blauen Teppich vor den Bus gelegt und ein Festivalsofa gebaut, auf dem ich gut und gerne den Tag hätte verbringen können, wäre es nicht so kalt gewesen.

Unser Veranstalter Ben, ebenfalls Rapper und Mitglied der Crew „Kurzer Prozess“ hatte sich alle Mühe gegeben und bereits ein leckeres Frühstück aufgefahren, dass wir über mehrere Stunden genießen konnten. Leider spielte das Wetter nicht mehr so mit und Wind, Wolken und Regen gaben mir den Rest, so dass mein erster Gang vom Desi Gelände runter zu einer Apotheke führte: Hustenlöser, Halsschmerztabletten, Schmerztabletten, eine Runde Mitleid. Hatte ich gestern noch Chaoze veräppelt, war ich jetzt dran mit leiden und irgendwie war ich mir nicht sicher, wie ich den Auftritt am Abend schaffen sollte.

Den Tag habe ich mehr oder weniger komplett in einem Waschsalon verbracht, während Chaoze, Deadly und Moh bei einem Radiointerview im Radio Z waren. Nürnberg wird in Zukunft wohl einiges von uns hören, denn nach dem Konzert am Abend habe ich Callya im Interview mit einem Radio Z-Vertreter gesehen, ich selbst habe dem Jugendantifa Radio „Bambule“ was auf dem MP3-Player gelabert (ey, aber kein Shoutout!) und Asya stand auch einem Radio-Z-Macher Rede und Antwort. Ihr werdet also in Zukunft wahrscheinlich 24/7 von uns vollgelabert werden… In Nürnberg scheint also gar nicht so viel los zu sein wie ich dachte. Dabei war es doch diese Stadt in der ich die erste und einzige Demonstration gegen Abtreibung gesehen habe. Bisher dachte ich immer, das würden Leute nur denken, aber nicht dagegen demonstrieren. Am liebsten hätte ich meinen BH verbrannt oder mir ein Schild umgehängt mit „Ich bin voller Sünde und stolz drauf!“. Aber ich war so baff, dass mir das erst später eingefallen ist. Was geht die verdammt noch mal an, was ich mit mir mache? Bin ich eine Gebärmaschine, die wenn sie schwanger ist ihre Selbstbestimmung an vergreiste, konservative Kirchenoberhäupter abzugeben hat?

Und liebe Desi-Besucher, was war mit euch zu Beginn der Show los? Wart ein wenig müde, gelle? Nicht mal der Diss mit München (und der ist sonst sehr zuverlässig), hat euch aus der Reserve gelockt. Zum Glück habt ihr uns dann während des Stromausfalls nicht hängen gelassen und sogar der Sound, der am Anfang wirklich schlimm war und sich eher nach Telefon anhörte, wurde sehr viel besser als der Strom wieder da war. Und endlich hat Nürnberg uns das gegeben wofür wir gekommen waren: Party. Eure Breaker habe ich allerdings vermisst…

Ich musste mich dann unbeliebt machen, als ich darum gebeten habe mit dem Rauchen aufzuhören. Aber selbst 4 Ibuprofen 400 mg haben meine Halsweh nicht aufgehalten und auch das Hals- und Rachenspray, von dem ich mittlerweile wohl abhängig sein dürfte, hat auch nicht mehr gewirkt. Und das vor dem schönsten Lied „Me guste la vida“. Der Rauch gab mir dann echt den Rest und ich dachte, wenn die nicht aufhören mit Rauchen, krieg ich gleich keinen Ton mehr raus. Na ja, ich hoffe, die RaucherInnen haben meine Bitte nicht übel aufgefasst. Es ist nur sehr schwer zu rappen und zu singen, wenn dieser Tabakrauch einem ins Gesicht geblasen wird, denn der Rauch steigt ja leider nach oben und die Leute rauchen ja auch in deine Richtung, weil sie dich ansehen. Und weil man beim Rappen so eine Art Schnappatmung kriegt, inhaliert man zwangsläufig so viel, dass man meint es wäre eine ganze Packung Gauloise ohne Filter gewesen. Außerdem ist es ja eh ungesund, nech?!

Jetzt sind wir auf dem Weg nach München und einige koordinatorische Hindernisse liegen vor uns. Wir können leider mit dem Bus nicht vor dem Kafe Marat parken, müssen also schnell alles ausladen und dann fährt Dawid auf eine Raste, wo er einige Stunden Pause macht. Für uns bedeutet das, alles mitzunehmen, was wir brauchen und unsere Duschsachen gegebenenfalls den ganzen Tag durch München zu schleppen. Erst um 1:30 Uhr kommt Dawid zurück und lädt uns und die Sachen wieder ein. Dann geht es sofort weiter nach Luzern, wo uns Oli Second von Direct Raption in Empfang nehmen und gleich in seine Schule bringen wird, wo wir einen Workshop mit den Schülerinnen und Schülern machen werden. In Luzern werden wir auch einen zweiten Fahrer mit an Bord nehmen, denn wir müssen nach dem Gig in Luzern sofort weiter nach Straußberg, also in die Nähe von Berlin. Mal sehen ob und wie das alles klappt. Aber bis jetzt halten sich alle immer an die Zeitpläne, wir haben noch niemanden vergessen und es packen alle mit an.

München, wir kommen! Ich leg mich noch ein wenig hin, meine Erkältung kurieren, die mich heute nicht mehr nur durch Halsweh sondern auch Stimmbruch und Schnupfen plagt. Mist!



Reutlingen ist ein Dorf, dachte ich. Stimmt aber gar nicht. Eigentlich gehört Reutlingen zu den reichsten Kommunen Baden-Württembergs (Deutschlands?) und hat 120.000 Einwohner. Einigen davon sind wir ganz schön auf die Nerven gegangen, als wir vor der Citibank einfach angehalten haben und den Warnblinker reingehauen haben. Das war keine Absicht, ihr lieben Reutlinger. Aber wir konnten halt einfach nicht mit einem 3,95 m hohen Bus durch euren 3,50 m hohen Tunnel fahren. Zum Glück kam Andreas aus dem Franz K und hat uns umgeleitet, so dass wir doch bis zur Location vorfahren konnten. Das Franz K war endlich mal wieder ein Club mit Dusche (und wir stehen einfach auf so dekadente, kommerzielle Dinge wie leckeres Catering, Duschen, Internetanschluss und Backstageraum. Wer allerdings das Gerücht in die Welt gesetzt hat, dass es Chaoze und mir in der „Zelle“ in Reutlingen nicht gefallen hat, weil so wenig los gewesen wäre, weiß ich nicht. Mir persönlich ist es nämlich eigentlich egal, ob  ich Party mache mit 5 oder 20 oder 300 Leuten.).

Wir haben mittlerweile auch einige Kranke an Bord: Deadly und Chaoze haben Halsweh und die Stimme klingt wie rostige Gieskanne. Blöderweise kratzt es mir auch schon im Hals…

Die Show war aber wie immer Auslöser dafür, dass die Müdigkeit und Erschöpfung des Tages und der vergangenen Nächte wie weggeblasen war. Unser DJ hat mich allerdings kurz in Verwirrung gestürzt, als er bemerkte, dass Shana gerade nicht auf die Bühne kommen kann, weil sie auf Alva aufpasst und wir daher den nächsten Track nicht spielen könnten. Panik erfüllt, arrangierten wir in Windeseile um, schoben Songs durcheinander und mussten dann am Ende feststellen, dass Shana bei dem Track, der eigentlich dran gewesen wäre gar nicht dabei ist und dass sich alles im Rahmen unseres fein ausgeklügelten Babysitterplans bewegte, nach dem Shana, Bütti und Moh abwechselnd die Bühne verlassen, um vor Alvas Bett Wache zu halten. Obwohl es ein Montagabend war, hatten wir doch noch 64 zahlende Gäste, die mit uns eine richtig gute Party gefeiert haben, so dass wir das Gefühl hatten, es wären mindestens 150 gewesen. Danke, dass ihr da wart!

Sehr lecker fanden wir auch den Kartoffelauflauf und die Rundumbetreuung der Veranstalter. Ihr wart wirklich sehr nett und aufmerksam und alles hat perfekt gepasst.

Sehr früh morgens sind wir dann weiter nach Nürnberg gefahren und hatten erneut Zuwachs bekommen von Callyas Freundin Jenny, die das Konzert in Reutlingen wohl so überzeugt hatte, dass sie sich unsere Show in Nürnberg noch mal ansehen wollte.



et cetera